Es ist eine Tat, so unbegreiflich, dass sie mit Worten fast nicht zu beschreiben ist. Am 11. März 2009 hat ein 17-jähriger Schüler 15 Menschen getötet und sich schließlich selbst das Leben genommen. Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen, den Freunden und Familien der Opfer und auch des Täters. Das aber im Zuge der Ermittlungen und Berichterstattung um den Amoklauf auch die eigentlich als längst überholt geltende „Killerspiel“-Debatte wieder aufflammt, war zwar zu erwarten, ist aber dennoch für den Handel und die Games-Branche ein Ärgernis.
Keine zwei Stunden waren seit dem Tod des Amokläufers vergangen, da meldeten es die ersten Agenturen: Der 17-Jährige Schüler hatte das „Killerspiel“ „Counter Strike“ auf seinem Computer. Das Spiel, dass auch die Amokschützen von Erfurt und Emsdetten gespielt haben sollen, was sich später jedoch als Ente herausstellte. Davon las man jedoch in den folgenden Berichten kein Wort. Es kam wie es kommen musst. Anstelle von Ursachenforschung traten vorschnelle Schuldzuweisungen, manch seltsame Aussage war zu vernehmen und der O-Ton war immer der gleiche: „Killerspiele müssen verboten werden.“
Einen Tag nach dem Amoklauf erneuerte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) im Bayerischen Rundfunk seine Forderung, sogenannte Killerspiele zu verbieten. Laut Herrmanns Aussage gebe es in Deutschland „brutalste Killerspiele“, welche die Hemmschwelle der Spieler herabsetzten und einige von ihnen in der Meinung bestärkten, das Gespielte in der Realität nachahmen zu müssen. Weiter sagte er: „Solche Spiele haben meines Erachtens bei uns nichts verloren.“
Der Psychologe Prof. Dr. Helmuth Lukesch, Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie an der Universität Regensburg, setzt sich ebenfalls für ein Verbot von sogenannten „Killerspielen“ ein. So sagte der Professor im Bezug auf Spiele mit gewalttätigen Inhalten: „Es ist kein kultureller Verlust, wenn dieser ganze Schrott verschwindet und solche Computerspiele vom Markt genommen werden.“ Gleichzeitig kritisiert der Psychologe, dass die Alterskontrolle bei Computer- und Videospielen im Gegensatz zu Filmen nicht funktioniere. So käme „jeder 14- oder 15-Jährige“ an Spiele, die „wie Grand Theft Auto IV ab 18 freigegeben sind“.
Auch zweifelt Lukesch eine Mitschuld des Vaters, eines ausgewiesenen Waffennarren, aus dessen Sammlung sich der Amokläufer bediente, an. Neben der Verfügbarkeit von Waffen spiele die Motivation eine zentrale Rolle. „Diese kann aus unterschiedlichsten Quellen genährt werden. Da bietet die Spieleindustrie [...] vieles an“, so Lukesch. Weiter sagt er: „Für die Computerspielindustrie ist es an der Zeit, sich von den aggressiven Spielen zu trennen und diesen menschenverachtenden Schrott nicht mehr zu verbreiten. Es sollte in der Gesellschaft geächtet werden, wenn jemand mit solchen Spielen Geld verdient.“
Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sprach sich für ein totales Verbot von Computerspielen mit gewalttätigen Inhalten, sogenannte „Killerspiele“, aus.
„Killerspiele sind schlicht abartig und sollten komplett verboten werden“, so Schünemann. So plant er, wie vor drei Jahren (damals scheiterte das Unterfangen allerdings), eine Bundesratsinitiative, um ein gesetzliches Verbot erwirken zu können. Schünemann weiter: „Niedersachsen wird prüfen, ob sich nach den schrecklichen Ereignissen unserer Initiative jetzt endlich die Mehrzahl der Länder anschließt. Dann starten wir gegebenenfalls einen neuen Anlauf.“
Bayerns Innenministerin Beate Merk (CSU) weiß er dabei an seiner Seite. Die Ministerin fordert ein Verbot der „Killerspiele“, denn „Gewaltspiele und Horrorfilme“ spielten bei „fast allen Amokläufen“ eine Rolle. „Auf diesen menschenverachtenden Schund können wir verzichten“, so Merk wörtlich.
Allerdings sind die Erfolgsaussichten eines solchen Unternehmens auf Bundesebene eher fraglich. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sehen keinen Bedarf für eine Verschärfung der Gesetze. Vielmehr sei es notwendig, die Einhaltung der existierenden Gesetzte strenger zu überwachen, so von der Leyen. Mit dem Ruf nach härteren Gesetzen mache man es sich zu leicht.
Dennoch schloss sich kurze Zeit später auch der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes der Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG Hessen), Heini Schmitt, den Forderungen nach einem Verbot von sogenannten „Killerspielen“, als Reaktion auf den Amoklauf von Winnenden, an. Dabei griff Schmitt zu drastischen Formulierungen.
Er kritisierte ins Besondere die Aussage des G.A.M.E. - Bundesverband der Entwickler von Computerspielen (G.A.M.E.) es bestehe „kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Amoklauf von Winnenden und dem Konsum von Gewaltspielen“. Eine solche Aussage sei, so Schmitt, anscheinend der Beleg dafür, dass der Computer- und Videospielbranche „jegliche Achtung vor den Opfern und deren Angehörigen abhanden gekommen“ sei.
„Das Bemühen, die Diskussion um eine mögliche Mitverursachung solch grauenvoller Taten wie des Amoklaufs von Winnenden durch Killerspiele möglichst schnell zu beenden und wieder zum virtuellen Spiel- bzw. Geldverdien-Alltag überzugehen“, sei „geradezu entlarvend offenkundig“, so der Vorsitzende weiter. Auch beruft Schmitt sich auf den umstrittenen Spielekritiker Prof. Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen und führt an, dass Spiele ein „Belastungsfaktor“ seien, die „als Mitursache (für Amokläufe, Anm. d. Red.) [nicht] gesichert ausgeschlossen werden“ könnten. Wenn „die Chance zur Beseitigung einer mögl. Mitursache besteht, dann [müsse] sie genutzt werden!“
Das Verhalten der Games-Branche bezeichnet er als „rücksichtsloses Profitstreben eines Industriezweiges“ dessen Kreativität sich „weitgehend darin“ erschöpfe, „immer neuere, perversere Techniken zur virtuellen Tötung von Menschen zu entwickeln“. „Wir fordern die vollständige Abschaffung sog. Killerspiele,“ so Schmitt abschließend.
Und nicht nur unter Landespolitikern und sogenannten Experten werden die Verbotsforderungen wieder lauter. In einem offenen Brief haben sich fünf der betroffenen Familien mit der Forderung an Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger gewandt und ein Verbot von „Killerspielen“ gefordert.
Am vorvergangenen Samstag, dem 21. März 2009, haben Tausende im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes abschied von den 15 beim Amoklauf von Winnenden getöteten Menschen genommen. Auch Bundespräsident Köhler hielt eine Rede, in der er den Familien und Freunden sein Beileid aussprach, jedoch auch Kritik an sogenannten „Killerspielen“ übte.
Der „Gesunde Menschenverstand“ sage einem, dass der „Dauerkonsum solcher Produkte“ schade, so Köhler.
Weiter sagte er: „Ich finde jedenfalls: Dieser Art der Marktentwicklung sollte Einhalt geboten werden.“ Dies sei nicht allein Aufgabe des Staates, vielmehr müsse jeder Einzelne entscheiden, ob er den Konsum gewisser Filme und Spiele mit seiner Selbstachtung vereinen könne. „Man muss auch Nein zu Dingen sagen, die man für schlecht hält – auch wenn sie nicht verboten sind“, so der Bundespräsident.
Unterstützung erhielt er in seinem Ansinnen von Berlins Innensenators Dr. Ehrhart Körting und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck hingegen bezeichnete solche Forderungen als populistisch.
Unterdessen kündigte die zur Metro Group gehörende Handelskette Galeria Kaufhof als direkte Reaktion auf den Amoklauf von Winnenden an, ab dem 01. April 2009 keine Filme und Spiel mehr zu führen, die von der FSK bzw. USK eine Altersfreigabe „ab 18“ erhalten hätten. Tatsächlich hat man bundesweit in den Filialen schon mit dem Ausräumen der entsprechenden Titel begonnen.
Als Konsequenz aus dem Amoklauf von Winnenden hat die Stadt Stuttgart schließlich kurzfristig das ESL Event „Intel Friday Night Game“ verboten. Das eSport Event, zu dem bis zu 2.000 Zuschauer erwartet worden waren, hätte am 27. März stattfinden sollen.
Man könne „keine solche Veranstaltung derzeit in unserer Stadt (Stuttgart, Anm. d. Red.) akzeptieren“, so Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster (CDU). Weiter schrieb er: „Wir sind das den Familien, Angehörigen und Freunden der Opfer schuldig.“ Offenbar hatte die Stadt im Vorfeld versucht, die ESL zur Spielplanänderung zu bewegen, da auf den Intel Friday Night Games auch „Counter Strike“ gespielt wird.
Dieser Darstellung widerspricht Turtle Entertainment vehement: „Der Dialog über eine Verschiebung der Veranstaltung oder die Verwendung anderer Spiele wurde von der Stadt nicht gesucht, obwohl Turtle Entertainment jederzeit dialogbereit und lösungsorientiert war und ist. Wir bedauern die Absage, denn das Event und die vorgelagerte Eltern-LAN wären eine ideale Möglichkeit gewesen, sich differenziert mit dem Thema Computerspiele als Teil unserer heutigen Jugendkultur auseinander zu setzen und die Mediennutzung junger Menschen zu thematisieren und zu diskutieren.“
Dabei wird zu gern außer acht gelassen, dass es noch immer keinen stichhaltigen Beweis für einen Zusammenhang zwischen erhöhter Gewaltbereitschaft und dem Spielen von gewalthaltigen Computer- und Videospielen gibt. Bestürzender an der ganzen Diskussion ist eigentlich noch die Tatsache, dass es nicht einmal eine allgemeingültige Definition gibt, was denn nun überhaupt ein „Killerspiel“ sei. Die oben erwähnten Politiker und Experten haben also, überspitzt formuliert, keine Ahnung, wovon sie überhaupt reden.
Definiert man ein „Killerspiel“ nämlich als Spiel, dessen wesentlicher Bestandteil es ist, Menschen oder menschenähnliche Wesen auf möglichst realitätsnahe Art und Weise zu töten, wie es beispielsweise der Deutsche Bundestag auf seiner Homepage tut, dann ist das eingangs erwähnte „Counter Strike“, in dessen deutscher, ab 16 Jahren freigegebener Version nicht ein Tropfen Blut fließt und dessen vorrangiges Ziel eben nicht das Töten von Gegnern ist, eben gerade kein „Killerspiel“. Doch „Counter Strike“ gilt dem Großteil der Verbotsbefürworter als das „Killerspiel“ schlecht hin.
Verabschiedet man sich jedoch von dieser eng gefassten Definition, so kommt es schnell zu Abgrenzungsschwierigkeiten. Schließlich wird in fast jedem Spiel das Überwinden von Gegnern als Spielelement eingesetzt, ohne dessen Einsatz ein Sieg unmöglich ist. Niemand würde jedoch Spiele der Mario-, Sonic- oder Crash Bandicoot-Reihe ernsthaft als „Killerspiel“ bezeichnen wollen. Nicht ohne Grund bezeichnet Björn Plantholt in seinem Buch „Jugendgefährdung durch Videospiele“ das „Killerspiel“ denn auch als „undefinierbares Konstrukt“.
Die in der Koalitionsvereinbarung der jetzigen Bundesregierung niedergelegte Forderung nach einem Verbot von „Killerspielen“ lehnte der BIU bereits 2005 mit der nachvollziehbaren Begründung ab, die Forderung sei „unpräzise“.
Die von den Spielekritikern gern zitierten Studien, nach denen eine Gefahr von „Killerspielen“ bzw. deren Spielern ausgehe, sind zum Großteil nicht aussagekräftig. Dies liegt zum Einen am oben stehenden Defintionsdilemma, zum Anderen daran, dass die Forschung in diesem Bereich noch immer in den Kinderschuhen steckt. Derzeit kann kaum jemand sagen, welchen Einfluss Computer- und Videospiele auf Jugendliche und Heranwachsende haben, auch wenn das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen gerne einen anderen Eindruck erwecken möchte.
Die aktuelle Studie beispielsweise, die gut ein Zehntel der Deutschen Jugendlichen zu Computerspielsüchtigen oder -suchtgefährdeten erklärt, lässt völlig außer acht, das es ein Krankheitsbild der „Computerspielsucht“ nach allen gängigen Definitionen nicht gibt. Zwar hat sich die Forschungsgruppe des KFN an gültigen Standards zu orientieren versucht, als sie versuchten, Anzeichen für Computerspielsucht zu definieren, allerdings ist es doch sehr fraglich, ob sich Merkmale eine Sucht einfach so auf eine andere Übertragen lassen, wie hier im Bezug auf Spielsucht und Computerspielsucht verfahren wurde. Dies erscheint insbesondere deshalb als zumindest fragwürdige Herangehensweise, da, wie oben erwähnt, eben nicht hinreichend geklärt ist, wie Computer- und Videospiele auf den Menschen wirken.
So kann ein nachweislich andauernder Zusammenhang zwischen simulierter und tatsächlicher Gewalt kaum bewiesen werden. „Videospiele sind kritisiert worden, weil sie aggressive Reaktionen und aggressives Benehmen steigern. Wir haben gezeigt, dass ein solcher Zusammenhang auf einer neurobiolgischen Ebene existiert.“ Dieser, von René Weber in einer Studie der „Michigan State University“ postulierte Zusammenhang, kann jedoch nur für einen kurzen Zeitraum belegt werden, langfristige Folgen gibt es laut der Studie nicht.
Auch Martin Gehlen kann in seiner Diplomarbeit „Gewaltdarstellung im Computerspiel“ von 2002 „keine negativen Auswirkungen von Computerspielen auf den Spieler belegen“. „Auf erkenntnistheoretische Ebene besteht unter den Wissenschaftlern weithin Einigkeit, dass es im Hinblick auf die mediale Welt keine direkte Wirkung auf die reale Welt gibt, egal, ob die Inhalte gewaltorientiert sind oder nicht“, stellen Jürgen Fritz und Wolfgang Fehr im Buch „Computerspiele“ fest.
„Die Forschung konnte bisher nicht feststellen, inwieweit sich die Psyche eines Kindes oder Jugendlichen durch das Rezipieren von gewalthaltigen Videospielen verändert“, schreibt Plantholt. Eine Antwort auf die Frage, wie Computerspiele wirken und warum sie gespielt werden, sei die Wissenschaft bis heute schuldig geblieben.
Und nicht nur das, es gibt schlicht keinen Beweis dafür, dass Games die Aggressivität steigern. Das also Games Amokläufe auslösen, scheint ein abwegiger Gedanke zu sein, „da unidirektionale aggressionsfördernde Wirkung virtueller Gewalt auf den Nutzer [...] bislang nicht stichhaltig nachgewiesen werden [konnte]“, wie es in „Brutale Spiele(r)? - Wirkungen und Nutzung von Gewalt in Computerspielen“ von Manuel Ladas heißt.
Wohin führt die neu entflammt „Killerspiel“-Debatte also? Da nicht abschließend zu klären ist, ob Computer- und Videospiele überhaupt eine Zunahme der Aggression bei ihren Spielern auslösen, scheint die derzeitige Diskussion ebenso überflüssig und an den tatsächlichen Hintergründen der Tat vorbei geführt zu werden, wie auch schon bei den vorangegangenen Amokläufen. Sollten Games tatsächlich eine der Hauptursachen für Amokläufe sein, so müsste es doch einen rasanten Anstieg solcher Taten gegeben haben. Ein solcher ist jedoch, nach allen vorliegenden Zahlen, nicht zu erkennen.
Bleibt die Frage, warum eine solche Diskussion immer wieder losbricht und wie sich Handel und Industrie zukünftig gegen solche haltlosen Anschuldigungen wappnen sollen. Die Vogel Strauß-Politik kann sicherlich keine Lösung sein, obwohl sicherlich nachvollziehbar ist, dass mancher Branchenvertreter der Diskussion so überdrüssig ist, dass er sich hierzu nicht äußern möchte. Was ist also zu tun? Und: Droht nun tatsächlich ein „Killerspiel“-Verbot? MIM hat mit Vertretern von Handel und Industrie über die Themen gesprochen. Die Antworten finden Sie im Check-Up in der aktuelle Ausgabe, die auch online verfügbar ist.