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27. Oktober 2008 um 15:00 Uhr
Stefan Berger, Head of Product Management und Acquisitions JoWood
Stefan Berger, Head of Product Management und Acquisitions JoWood

Götterdämmerung in Indien

Auf der diesjährigen Games Convention enthüllten die Wiener dem staunenden Publikum, dass die Entwicklung der Rollenspielfortsezung nicht in Europa, sondern in Indien stattfindet. Dies kann eigentlich kaum überraschen, denn nachdem die IT-Branche die sogenannten Computerinder schon vor geraumer Zeit für sich entdeckte, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Games-Publisher und -Entwickler nachziehen. Warum, so muss man sich fragen, sollten denn in Asien auch ausschließlich Programme aus dem weiten Feld der Anwendersoftware geschrieben werden, und nicht auch Games?

 

Nachdem Ubisoft Anfang des Jahres bereits ein Studio in Singapur eröffnet hatte, übernahm man im April einen indischen Entwickler mit 120 Mitarbeitern. Insgesamt sollen es schließlich bis zu 500 werden, die sich ausschließlich um die Umsetzung von Spielen auf Handheld-Konsolen und um die Qualitätssicherung von Ubisoft-Spielen kümmern.

 

Nun legt also JoWood nach und gibt dem indischen Entwicklerstudio gleich ein Prestige-Projekt an die Hand. In Wien ist man sich sicher, eine gute Entscheidung getroffen zu haben. Die Trine Studios beschäftigen derzeit über 300 Mitarbeiter. Ein Großteil von diesen war schon an der Entwicklung verschiedener Titel von zum Beispiel Electronic Arts oder auch Sony Computer Entertainment beschäftigt.

 

Vieles spricht dabei für den Standort Indien. Die dortigen Programmierer sind durchgehend gut ausgebildet und brauchen den Vergleich mit ihren europäischen, amerikanischen oder japanischen Kollegen nicht zu scheuen. Außerdem bietet Indien einen schier unerschöpflichen Fachkräftepool, wohingegen fähige Programmierer und Games-Designer in den meisten Ländern händeringend gesucht werden. Natürlich spielen auch die Kosten eine Rolle. Kaum ein anderes Land macht Arbeit so billig wie Indien. Dabei sind die indischen Fachkräfte trotzdem hoch motiviert, denn verglichen mit anderen Branchen verdienen sie ausnehmend gut.

 

Indien ist nicht nur ein Dienstleistungsland, 52 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (Stand: 2004) werden durch Dienstleistungen erwirtschaftet, der Großteil hiervon durch Arbeit im IT-Sektor, sondern entwickelt sich zu einem High-Tech-Standort. Mittlerweile verfügen mehr Bürger der größten Demokratie der Welt über ein Mobiltelefon, als über einen Festnetzanschluss. 35 Prozent, so das CIA World Factbook 2005, der 1,3 Milliarden Inder besitzen ein Handy, mehr als 70 Millionen Menschen nutzten Ende 2007 das Internet in Indien, die User-Zahlen wachsen jedoch rapide.
Diese Entwicklung kann sich die Games-Branche zu nutze machen und Qualitätstitel zu günstigen Konditionen produzieren. Verglichen mit den in China getätigten Investitionen ist Indien bisher kaum berücksichtigt worden. Doch was Ubisoft und JoWood nun vormachen, kann vielleicht als Initialzündung für die Branche betrachtet werden.



MIM sprach mit Stefan Berger, Head of Product Management und Acquisitions  JoWood, und Sangam Gupta, Studioleiter Trine.



MIM: Was hat Sie dazu bewogen, die Entwicklung eines so prestigeträchtigen Titels wie "Gothic 3" in die Hände eines (zumindest in Europa) relativ unbekannten Studios wie Trine zu legen?



Stefan Berger: Die Gothic Serie ist, wie Sie schon richtig sagen, ein sehr bekannter Titel und aufgrund der Erfolge in den letzten Jahren für JoWooD ohne Zweifel einer der wichtigsten Brands. Gerade deshalb haben wir uns die Entscheidung wer das AddOn zu Gothic 3 entwickeln soll nicht leichtgemacht und jede der zahlreichen Bewerbungen internationaler Entwickler sowie deren Erfahrungen, Fähigkeiten etc. tiefgehend geprüft. Unsere Entscheidung fiel auf Trine Studios weil nicht nur die fachliche Kompetenz überzeugte, sondern auch die Liebe zur Gothic Serie, nahezu alle Core-Personen sind seit Jahren Gothic-Fans.

 

MIM: Welche Erwartungen knüpfen Sie an das "Gothic 3 Add On", schließlich ist "Gothic 3" bei den Konsumenten durch einige schwerwiegende Bugs in Verruf geraten?



Berger: Gothic 3 war ein gutes Produkt, das allerdings durch die zahlreichen Bugs stark abgewertet wurde. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt und streben mit Gothic 3-Götterdämmerung ein Produkt an, das durch Story, Spielspaß und Motivation überzeugt. Dementsprechend liegt das größte Augenmerk während der Entwicklung des Add-Ons auf der ständigen Qualitätssicherung sowie der Implementierung von mitreißenden, intelligenten Quests.

 

MIM: Sind weitere Zusammenarbeiten mit Trine oder anderen indischen Entwicklern geplant? Gibt es diesbezüglich eventuell schon konkrete Pläne, die Sie uns verraten können?



Berger: Ja, das ist geplant. Warum sollte ein Prinzip, das im IT Bereich schon jahrelang praktiziert wird, nicht auch in der Spielebranche Fuß fassen?! Das fachliche Know-How, die Personalressourcen und langjährige Erfahrungen in der Spieleprogrammierung bieten die optimale Voraussetzung um gemeinsam mit indischen Studios High-Quality-Produkte zu entwickeln.

 

MIM: Denken sie, dass zukünftig noch mehr Developer und Publisher ihre Entwicklung teilweise oder gänzlich ins Ausland verlegen werden? Wo sehen Sie hier Chancen und wo eventuell Gefahren?



Berger: Ich bin davon überzeugt, das zukünftig auch andere Publisher ihre Entwicklungen in fernöstliche Länder verlagern werden, um das Potential der Studios zu nutzen. Ein unglaubliches Preis-/Leistungsverhältnis sowie die ausgezeichnete Qualität der Arbeit sprechen für sich.
Gefahren sehe ich eher in der Akzeptanz der Spieler. Viele ziehen im Bezug auf indische Entwicklungen sofort den Vergleich zu Bollywood und Billigproduktionen. Deshalb ist es uns umso mehr ein Anliegen geworden, durch Information, Fakten und letztendlich durch die Qualität der Produkte zu überzeugen!

 

MIM: Welche Vorteile bietet ein indisches Entwicklerstudio gegenüber einem europäischen oder amerikanischen Developer?



Sangam Gupta: Der größte Vorteil liegt meiner Meinung nach darin, dass man für das gleiche Geld viel mehr Quantität und Qualität erhält. Ein Spiel in Indien zu entwickeln, ermöglicht Publishern ihren Kunden mehr Inhalt und bessere Qualität zu dem Preis zur Verfügung zu stellen,  der auch für Europäische bzw. Amerikanische Entwicklungen bezahlt würde. Die Qualität der Produkte wird durch kompetentes Personal gesichert, dessen Kosten trotz des ausgezeichneten Know Hows sehr  gering gehalten werden.  Hier gilt anzumerken, dass die meisten EA Games Art Entwicklungen momentan in Indien durchgeführt werden.

 

MIM: Haben Sie schon für andere europäische oder amerikanische Publisher / Developer entwickelt?



Gupta: Momentan entwickeln wir 2 Multiplattform Titel für Amerikanische Publisher. Welche Spiele das sind, wird in Kürze bekanntgegeben.

 

MIM: Denken Sie, dass sich ein langfristiger Trend zur Games-Entwicklung in Indien oder anderen außereuropäischen / außeramerikanischen Studios abzeichnet?



Gupta: Es ist definitiv ein Langzeittrend  in Richtung Spieleentwicklung in Indien zu erkennen. Begonnen hat diese Entwicklung vor sieben Jahren mit der Animationsindustrie für Hollywood Blockbuster. Nahezu alle Erfolgsfilme wie „Die Chroniken von Narnia“, „The Fast and The Furious: Tokyo Drift“, „The Golden Compass“ oder „Spiderman 3“ wurden in Indien entwickelt.

 

Herr Berger, Herr Gupta, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

 
Sangam Gupta, Studioleiter Trine
Sprache: de en

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